Kontakt

Rufen Sie mich unter 0171–8378274 an oder schreiben Sie mir wann ich Sie erreiche.




    Orte wie Menschen

    Orte wie Menschen. Und Zeiten.

    Orte kön­nen Fre­unde sein. Wie Men­schen. Sinnbild für kleine Geschicht­en und große Geschichte, die uns mit ihnen verbindet. Und manch­mal sind sie leise. Diese Fre­unde. Auf solch leise, aus­ge­sprochen zart­füh­lende Art nähert sich eine Porträt­fo­tografin — Orten. Und Zeiten.

    In ihrer aktuellen Ausstel­lung zeigt die Köl­ner­in Bir­git­ta Peter­sha­gen dies­mal nicht Bilder von Per­so­n­en aus Poli­tik und Busi­ness, son­dern: Bilder von Orten. Sie porträtiert Plätze — und zwar so, als wären es Men­schen. In einem ganz bes­timmten Moment.

    Dabei ver­lässt sie sich nicht auf ein einzelnes Genre, son­dern wan­dert mit Einzel­bildern und Sequen­zen zwis­chen Architek­tur, Land­schaft, Reportage, Schnapp­schuss und Abstraktion.

    Bir­git­ta Peter­sha­gen fotografiert ihre Orte nicht ein­fach, weil sie bloß foto­gen wären. Vielmehr zeigt sie Orte aus genau dem Blick­winkel, mit dem sie auch auf Men­schen zuge­ht. Auf die, die sie porträtiert. Zudem set­zt sie ihre Motive in Bezug zueinan­der, grup­piert sie, lässt sie miteinan­der spie­len, atmo­sphärisch inter­agieren — und ent­lockt ihnen schließlich genau das, was die wahre Kun­st des Porträts aus­macht: Sie zeigt, was sie ihr bedeuten. Und zwar genau in der Sekunde des Klicks — jen­em magis­chen moment décisif, den Carti­er Bres­son beschreibt.

    Dabei offen­bart sie keine Fas­sade, ent­larvt nicht irgen­dein Dahin­ter — auch ein objek­tiv­er oder objek­tivier­bar­er Anspruch ist nichts, was sie reizt. Es scheint vielmehr ein zart dosiertes Spiel zu sein, dem sie sich hin­gibt. Mit impres­sion­is­tisch anmu­ten­dem Blick ver­schwis­tert sie dafür die Kat­e­gorien Ort und Zeit. Die Plätze, die uns in den groß­for­mati­gen Fotoar­beit­en begeg­nen, sind näm­lich gle­ich wieder vorbei.

    Sie offen­baren sich nur für einen kurzen, auss­chnit­thaften Moment. Und das nicht kün­stlich per­fek­tion­iert, son­dern authen­tisch und sehr per­sön­lich. Manch­mal gön­nt sie sich sog­ar den bloßen Schuss nur durch eine Glass­cheibe, und der blinde Reflex neben dem Staub zeugt von einem flüchti­gen Erleb­nis im Vor­beige­hen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Inten­siv wie ein far­biger Anklang an die schwarzweißen Bilder der Sub­jek­tiv­en Fotografie Otto Steinerts.

    Aber dieser Augen­blick ver­weilt nicht im Selb­stzweck. Ger­ade in ihm, der nur einen Lid­schlag dauert, strahlen die Arbeit­en eine son­der­bare Ambivalenz aus: Das luftige, wohlge­launte Flu­idum, das sie ver­sprühen, mis­cht sich mit einem san­ften, zwar chro­ma­tisch ver­süßten, aber doch selt­sam zurück­hal­tenden Impe­tus. Es ist, als woll­ten die Motive dem Blick weichen, der ihnen in der Porträtistin wie auch im Betra­chter gegenüber­tritt — als woll­ten sie ihm den Vor­rang lassen. Als träten sie einen Schritt zurück, wis­send, dass jedes Bild, das man sich von ihnen macht, immer auch den fotografieren­den Men­schen selb­st in sich birgt. Als sei es kaum möglich, kein Selb­st­porträt zu machen.

    In der Ausstel­lung, begeg­nen uns ästhetisch fein­füh­lige, qua­dratis­che Kom­po­si­tio­nen, die den geöffneten Betra­chterblick berühren, ohne sich ihm aufzu­drän­gen. Das gelingt mit der erfrischen­den stilis­tis­chen Leichtigkeit, mit der die Fotografin das Quadrat von seinem nüchter­nen Ima­go befre­it und auf eben­so galante wie nos­tal­gisch ver­spielte Weise mit einem leb­haften, aber eben doch leisen Hauch von Kinderta­gen durch­strö­men lässt.

    Tage, in denen erst­mals Fre­unde auch Orte waren. Verk­lun­gen und ver­schwis­tert mit der Zeit. Ver­schwis­tert mit Momenten, die zwar bunt daherka­men, aber nach fast nur einem Hauch schon wieder vor­bei waren — und seit je die klas­sisch melan­cholis­che Lust an der Ewigkeit in sich tru­gen. Wohl jed­er ken­nt das, wohl jed­er kann sich darin wiederfinden.

    © Mar­tin Timm